Zum Hauptinhalt springen
Bild von Ilona Frey auf Pixabay

der Mensch: Stärke & Tier; der Mensch: Schwäche & Umwelt; neue Ziele, neue Wege

Wie kann es weitergehen?

Projektionen auf mögliche Zukünfte entstehen weitgehend aus Erfahrungen über menschliches Verhalten in Vergangenheit und Gegenwart. Insbesondere Zeiten von Krisen und Katastrophen fördern Hoffnungen und Blicke auf mögliche neue Wege.

Im Mittelpunkt unserer Geschichte steht der Faktor Mensch als Motor und Manager. Dazu stellen sich zwei Fragen: Zunächst, wie und mit welchen Ergebnissen Menschen ihre Verfügungsmacht und Herrschaft über ihre Umwelt bisher eingesetzt haben; und anschließend, wie Menschen zukünftig aus ihren bisherigen Erfahrungen lernen können. Zukunftsbezogen bedeutet dies konkret: Wie weit kann das Verhalten, das die bisherige Menschengeschichte bestimmt, Modelle für zukünftige Verhaltensweisen des Menschen vorgeben?

Dazu werden in einem ersten Schritt zwei Handlungsfelder des Menschen befragt, die beide bis heute die Geschichte bestimmen. In beiden Handlungsfeldern sieht sich der Mensch in einer absoluten Ausnahmeposition. Unter dem Untertitel „der Mensch: Stärke & Tier“ versucht unsere Essay diesen besonderen Aspekt der allgemeinen Geschichte zu skizzieren.

Auf dem einem Handlungsfeld, dessen historischer Beginn nicht eindeutig festzulegen ist, das bis heute weiter dauert, geht es um die Verfügungsmacht des Menschen über eine ihm nützliche Auswahl von Tierarten. Diese Herrschaft des Menschen über das Tier ist bis heute ungebrochen.

Das darauf aufbauende aktuellere andere Handlungsfeld wird bestimmt vom Versuch des Menschen, seine Herrschaft über immer weitere Teile der gesamten Natur auszuweiten.

Konsequenz dieses Verhaltens ist jedoch, dass die Herrschaft des Menschen von menschengemachten Umbrüchen erschüttert wird. In einer weiteren Entwicklung dieses Handlungsfelds reduziert sich der Mensch, nicht zuletzt durch seine angenommene Abhängigkeit von der sogenannten Künstlichen Intelligenz, vom Subjekt der Geschichte zu einem Objekt. Somit lautet der Untertitel: „der Mensch: Schwäche & Umwelt“.

Vom Triumph zur Tragödie? Der kurz argumentierende, historische Teil dieses Essays lässt sich vielleicht, mit aller Vorsicht, so zusammenfassen: Der Mensch, der sich erfolgreich wähnt in seiner Herrschaft über Tiere, verliert seine Position und Sicherheit in entscheidenden Konflikten mit der Umwelt und letztendlich mit von ihm selbst geschaffenen Techniken.

Im Lichte dieser Überlegungen und Schlussfolgerungen ist zu fragen: Wie kann es weitergehen? Wie kann der Mensch sich aus seinen historischen Entscheidungen befreien und sich als ein nicht unabhängiger Teil der gesamten Natur begreifen und dementsprechend handeln? Wie kann sich neues Denken bilden?

Hierzu werden einige Hinweise auf neue Ziele und Wege aufgezählt.

der Mensch: Stärke & Tier

Ansätze von Verfügungsmacht und Herrschaft von Menschen über Tiere bestehen seit Jahrtausenden in allen Kulturen und Gesellschaftsformen. Die Wege hierzu werden jeweils vorrangig von denjenigen Menschen, also autoritären Männern, geebnet, die die grundlegenden Geschicke ihrer Gesellschaft bestimmen und die von der Verfügung über Tiere in erster Linie selbst profitieren. Diese Entwicklungen wurden dann, freiwillig oder erzwungen, als Modelle in alle Gesellschaftsschichten übernommen. Sie verschärften sich später, seit der sogenannten Aufklärung schließlich im Kapitalismus und Neoliberalismus. Dabei konnte man sich auf verbreitete Annahmen stützen, die von der naturgegebenen Ausnahmestellung des Menschen ausgingen.

Der Mensch beherrscht die Welt auf Kosten seiner Mitlebewesen, der Tiere. Dies geschieht in unterschiedlichen Formen, von der Entscheidung des Menschen über Leben und Tod von Tieren bis zum Einsatz des Tieres als Begleiter des Menschen.

Bei den Tieren, den Opfern, geht es in erster Linie um diejenigen Tierarten, die als „Nutztiere“ gebraucht werden. Das Tier wird genutzt nicht nur als Nahrungsmittel, Transportmittel oder auch als Maschinenersatz, sondern zum Beispiel ebenso in der Forschung und Tierzucht.

Mit einer insgesamt unhinterfragten Wertschätzung ihrer Herrschaft über das Tier haben sich die Menschen in einer angenommenen Überlegenheit eingerichtet. Damit dies möglich ist, werden Tiere als reine Sachen definiert und manipuliert. Sie verfügen höchstens über blinde Instinkte, haben aber nichts, was menschlicher Vernunft und rationaler Planung nahekommt. Ein bewusstes Schmerzempfinden wird ihnen oft abgesprochen. Sie können nicht gemäß ihrer Natur leben. Tiere haben keine Würde, noch weniger Rechte. So bleiben Tierempfindungen und Tierelend unberücksichtigt.

Und heute? Die Vorstellung vom Tier als reiner Sache ist zwar wissenschaftlich überholt, behält aber in der Alltagspraxis ihre Herrschaft. So können Tierrechte nicht gedacht, noch weniger praktiziert werden. Das deutsche Tierschutzgesetz zum Beispiel, das einleitend die „Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ fordert, ist bisher in vielen Fällen zahnlos geblieben; außerdem geht das Gesetz auch von einem „vernünftigen Grund“ für Tierversuche und Tierschlachtung aus.

Ja, der Planet beherbergt auch andere, kritisch tierfreundlichere, Kulturen, und in vielen Gesellschaften besteht die Möglichkeit, Tierunterdrückung und Tierelend so weit wie möglich persönlich nicht zu akzeptieren und mitzutragen. Doch diese Ausnahmen sind verschwindend gering.

der Mensch: Schwäche & Natur

Es überrascht kaum, dass der Mensch, nicht zuletzt aufgrund seiner Interpretation und Ideologie einer Herrschaft über Tiere, versucht ist, seine Verfügungsmacht auf seine Umwelt, die gesamte Natur auszudehnen. Das geschieht oft ohne kritische Reflexion, unter Missachtung wissenschaftlicher Warnungen und von Kapitalüberlegungen getrieben.

Das Denken und Handeln der Menschen wird weiterhin so geprägt, doch der Kontext ändert sich. Wo der Mensch versucht, sich kompromisslos über die belebte wie die nicht lebende, ebenso über die nicht als lebendig erkannte, Natur zu stellen, da schlägt die Natur zurück und fördert vielfältige persönlich individuelle, soziale und globale Krisen und Katastrophen.

Die Situation lässt sich so zusammenfassen: Die Risse und Brüche in einer Welt, die von vielen einmal auf dem Weg einer insgesamt positiven allgemeinen Entwicklung gesehen wurde, zeigen sich in zwei Problembereichen, in denen Menschen ihren Anspruch auf Herrschaft weitgehend unkontrolliert vorantreiben.

Der eine Problembereich ist der der Zerstörung sowohl der lebenden wie der nicht lebenden Natur. Die Probleme des anderen Bereichs spielen sich seit einem relativ kurzen Zeitraum im Zusammenhang mit der sogenannten Künstlichen Intelligenz ab. Die Umwelt ist dann nicht die gesamte Natur, sondern das persönliche Umfeld und darin der Mensch als Handelnder im Verhältnis zu anderen Menschen, aber auch zu sich selbst. Künstliche Intelligenz führt den Menschen zum individuellen Verlust von menschlichen intellektuellen wie moralischen Fähigkeiten. Es ist nicht auszuschließen, dass Menschen ihre Verantwortung als Person aufgeben und Techniken überlassen. Der Mensch bedroht sich selbst.

neue Ziele, neue Wege

Wie kann es weitergehen?

Neue Ziele und neue Wege werden vielerorts erhofft. Die anfangs gestellte Frage, wie weit die alten Ideologien und Verhaltensweisen der beiden hier skizzierten Handlungsfelder Modelle für neue Ziele und neue Wege bieten können, findet insgesamt eine nicht zufriedenstellende Antwort. Die Mächte, die aktuell bestimmen, drücken weiterhin, geschönt mit anpasslerischen Modifikationen, ihre alten Ideologien, Rituale und Praktiken der Welt auf.

Neue Ziele und neue Wege werden vielerorts erhofft. Ja, Ideen, die verdienen, als Modelle einer demokratischen egalitären Gesellschaft überprüft zu werden, gibt es, doch kaum Praktiken mit größerer Wirkung. Die Herausforderung ist, dass not-wendige neue Ideen nur wirken können, wenn altes Herrschaftsverhalten, wenn bisherige Privilegien aufgegeben werden.

Es muss umgelernt werden, was auch Verlernen bedeutet.

Alle positiven Angebote demokratischer egalitärer Modelle bedeuten insbesondere das Aufgeben des Anspruchs auf die absolute Ausnahmeposition des Menschen. Dabei geht es nicht mehr um Herrschaft, sondern um Respekt und Zugeständnis einer Teilhabe aller Lebewesen. Ebenso wenig geht es um destruktive Eingriffe in die Natur im Namen einer radikalen so genannten „Entwicklung“.

Es geht um ein Verhalten des Respekts und einer allgemeinen nicht ausbeuterischen Akzeptanz der Koexistenz von Natur, Tier und Mensch.

Einfach ist es nicht, diese Wege zu gehen, aber es ist nicht unmöglich. Die Menschen haben schon mehrmals ihre Vergesellschaftungsformen geändert. Denken und Handeln haben sich geändert, weil es not-wendig war.

Ja, es ist not-wendig, und es gibt Ansätze, die Hoffnung geben.
So könnte es weitergehen auf unserem Planeten.


Autor*innen: Iris Witt & Jürgen Jansen (AK Weltpolitik Mitglied im Eine Welt Forum)